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„Gott hat mich auf euch gehetzt!“

   

Hans Ballmann in der Ev. Christuskirche Plettenberg. (Foto: Raith)

Von Guido Raith

Plettenberg. Er kam auf leisen Sohlen und bedächtigen Schrittes. Im schwarzen Talar, aber ohne die bekannte, schräg sitzende Kappe – das Erkennungsmerkmal des Reformators. Hans Ballmann, Schauspieler aus Thüringen und Begründer des Theaters „Das schiefe Podium“, stellte sich als Martin Luther ans Rednerpult im Altarraum der bis zum letzten Platz gefüllten Christuskirche in Plettenberg.

Ermöglicht worden war die Veranstaltung mit dem Titel „Hier steh’ ich“ innerhalb der Reihe im Jahr des Reformationsjubiläums durch eine Zusammenarbeit der Ev. Kirchengemeinden Eiringhausen und Plettenberg, dem Bachforum, dem Verein der Freunde der Kirchenmusik Plettenberg und der Kunstgemeinde Plettenberg.

Gleich nach den ersten Worten stellte Hans Ballmann alias Martin Luther klar: „Gott hat mich auf euch gehetzt!“, und manchmal schien man es als Gast auch schon zu spüren, wenn der Mime bei der Rezitation in Wallung geriet und neben dem nachdenklich auf sein Leben zurückblickenden Luther einen wilden, kurios verdrehten und oft auch von Selbstzweifeln getriebenen Reformator auf die Bühne stellte. Teils im mittelalterlichen Sprachduktus ließ Ballmann Luther laut vor sich hindenken und die Zuschauer über geschickt verknüpfte Original-Zitate teilhaben an Wünschen, Hoffnungen, alltäglichen Gedanken, Ängsten und auch Wirrungen eines von der Ungerechtigkeit in der Kirche getriebenen Denkers und Machers seiner Zeit.

Ballmann rezitierte, setzte sich, sang ein Lied und ließ seine Worte nachhallen, während Kirchenmusikdirektor Gerhard Strub dem Ganzen mit bunten musikalischen Ausrufezeichen wie Johann Sebastian Bachs „Air“ oder „Toccata Fuge in d-Moll“ (...oder war es doch „a whiter shade of pale“ von Procul Harum?) deutlich Nachdruck verlieh. In kurzen Kabinettstückchen, manchmal nur wenige Sätze lang, stellte sich der Reformator dem Publikum häppchenweise vor und sparte nicht an markigen Sätzen. „Wer dolmetschen will, muss großen Vorrat an Wörtern haben“, wusste Bellmann alias Martin Luther zu konstatieren und stellte das Szene um Szene unter Beweis.

Ob es um den Zustand der Kirche seiner Zeit, die nicht erziehenden Eltern, die nicht regierenden Fürsten, falsche Wunder, den Reliquien-Kult, Frau Käthe oder den an sich selbst zweifelnden Martin Luther ging, Hans Ballmann gab dem Moment eine Stimme. Als Sprache und Musik sich gegen Ende schließlich trafen, um so vielleicht noch eindrücklicher sein zu können, steigerte sich die Dramatik, gesellte sich fast Disharmonie hinzu und man sah einen Luther, der sich auch Augenblicken des Schwermutes hingab. „Die Welt ist ein betrunkener Bauer. Hebt man ihn auf der einen Seite in den Sattel, fällt er auf der anderen Seite wieder herunter“, seufzte Ballmann und hinterließ bald darauf ein Publikum, dem nach anderthalb Stunden der Wort-Kanonade die frische Luft aus der geöffneten Kirchentür sicher wohl tat.

 

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